Bericht zur 1. Arbeitstagung »Orgellandschaft Schlesien«

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"Orgellandschaft Schlesien" - so hieß das Thema einer dreitägigen Arbeitstagung des Vereins zur Erforschung und Erhaltung schlesischer Orgeln e.V. , die vom 30. April bis zum 2. Mai 1998 in Jauernick-Buschbach bei Görlitz stattfand.

Die erstmalig stattfindende Arbeitstagung hatte es sich zum Ziel gesetzt, Mitgliedern und auch Nichtmitgliedern des VEESO Einblicke zu geben in das Wirken des Vereins, Anstöße zu vermitteln und auch Begeisterung zu wecken für Unterstützung und Engagement.

Angesichts der zur Zeit erst etwa 70 Vereinsmitglieder, kann die Tagung mit zeitweise knapp 40 Teilnehmern als durchaus gut besucht gewertet werden. Die Teilnehmerschaft bestand etwa zu einem Drittel aus Fachbesuchern (Organologen, Orgel- und Kunstsachverständige, Dozenten, Kirchenmusiker), zum überwiegenden Teil jedoch aus interessierten Mitgliedern und Freunden des VEESO.

Die Tagung wurde nach einer regulären Mitgliederversammlung des VEESO am Abend des 30. Aprils durch den Vorsitzenden, Pfarrer Reinhard Hausmann, eröffnet. Anschließend richtete auch der Leiter der evang. Tagungsstätte "Kreuzbergbaude" Jauernick-Buschbach, Pfarrer Dr. Hans-Wilhelm Pietz, ein Grußwort an die Anwesenden.

Den ersten Vortrag der Tagung hielt der Orgelbauer Wieland Rühle, Moritzburg bei Dresden. Er berichtete über seine Erfahrungen bei der Restaurierung der Orgel der Josephskirche im Kloster Grüssau. Die Restaurierung wurde im Jahre 1994-95 durch den VEESO organisiert und mitfinanziert. Neben Anmerkungen zur noch immer nicht vollständig geklärten Geschichte der Josephskirchen-Orgel, brachte Herr Rühle auch eingehend seine persönlichen Erfahrungen mit dem klösterlichen Leben in Grüssau ein, wie er es während seines Arbeitsaufenthaltes kennen gelernt hatte. Obwohl Orgelbauer, war der Referent stets bemüht, im Hinblick auf die Teilnehmerschaft technische Details der Restauration zu vermeiden, beantwortete im Anschluß jedoch auch bereitwillig Anfragen der Fachbesucher.

Im zweiten Vortrag der Tagung gab der polnische Organologe Wolfgang Brylla einen Überblick über Schicksale schlesischer Orgeln nach 1945. Nach einer kurzen Einführung über die Situation zum Ende des Zweiten Weltkrieges, sowie der Quellenlage über die Kirchenorgeln Schlesiens, eröffnete Brylla dem Auditorium zahlreiche exemplarische Einblicke in den Stand seiner bisherigen, sehr umfangreichen Recherchen bezüglich der Transferierung von Orgeln, wobei sich manche Überraschung ergab.

Die Fortsetzung der Reihe der Vorträge bildete am nächsten Morgen ein Referat von Frank Wolz über die Parabrahmorgel von Liegnitz, deren Besichtigung am letzten Tage der Arbeitstagung auf dem Programm stand. Der Vortrag gliederte sich in zwei Teile: im ersten Teil versuchte der Referent, den historischen Hintergrund des Entstehens einer spätromantischen Orgel zu motivieren, indem er aufzeigte, wie sich die romantische Geisteshaltung im Orgelbau des 19. Jahrhunderts entwickelte und äußerte. Der zweite Teil exemplifizierte die theoretischeren Ausführungen mit einer Beschreibung der Parabrahmorgel von Liegnitz anhand ihrer Disposition und (früheren) Ausstattung, insbesondere des "Parabrahm-Systems".

Um barocke Orgelprospekte in Schlesien ging es beim anschließenden Vortrag von Maciej Broniewski, der kurz vor dem Abschluß seiner Dissertation an der Universität von Posen steht. Anhand zweier Beispiele, der Orgel in der Gnadenkirche zu Hirschberg, sowie der Orgel in der Marienkirche im Kloster Grüssau, zeigte Broniewski detailliert auf, wie sich der Einfluß von weltlichem Herrscherregiment und evangelischer bzw. katholischer Theologie in der Ausgestaltung der Orgelprospekte niederschlug. Insbesondere am Fall Hirschberg, wo der Orgelprospekt hinter dem Altar angebracht ist und jenen sogar an Mächtigkeit und Ausstrahlung bei weitem überwiegt, wurde deutlich, wie intensiv Orgelprospekte gerade im Kontext des religiösen Konfliktes gewirkt haben müssen. Weiter führte Broniewski aus, inwiefern der Grüssauer sozusagen als "Antwort" auf den Hirschberger Prospekt betrachtet werden kann.

Den Freitagnachmittag nutzten die Teilnehmer der Tagung für eine Exkursion nach Görlitz, wo die 1997 neu fertiggestellte Sonnenorgel der evangelischen Pfarrkirche St. Peter und Paul besichtigt und gespielt werden konnte. Die Erläuterungen zu Kirche und Orgel hatte der Görlitzer Kantor und Leiter der Kirchenmusikschule, KMD Reinhard Seeliger, übernommen, welcher die Gruppe anschließend noch ein wenig durch die Innenstadt führte. Nach dem Abendessen in Görlitz besuchten die Teilnehmer noch ein Panflöten-Konzert in der Peter- und Paulskirche.

Der letzte Tag der Arbeitstagung stand ganz im Zeichen von Liegnitz, wo die evangelische Liebfrauenkirche und die katholische Kathedrale St. Peter und Paul besichtigt wurden. Nachdem Pfarrer Krolewicz eine Einführung über die Liebfrauenkirche gegeben hatte, stellte Jan Tomasz Adamus, Dozent für Orgel in Breslau, die Weigle-Orgel aus dem Jahre 1914 klanglich vor. Auch hier war es den Teilnehmern der Tagung anschließend möglich, das klangschöne Instrument auszuprobieren, sowie einen Blick in ihr Inneres zu werfen. In der Peter- und Paulskirche gaben Domorganist Lachowski, sowie Schüler der Liegnitzer Musikschule ein etwa vierzigminütiges Konzert auf der Orgel der Firma Schlag & Söhne. Nach der Rückfahrt und dem Abendessen in der Kreuzbergbaude ließ man die Tagung in einer geselligen Runde ausklingen.

Zusammenfassend kann gesagt werden, daß die erste Arbeitstagung des VEESO als sehr gelungen bezeichnet werden kann. Deshalb gebührt dem Organisator der Tagung, dem Vorsitzenden des VEESO, Herrn Reinhard Hausmann, großen Dank und Anerkennung seitens aller Teilnehmer. Man darf hoffen, daß mit dieser Tagung der Beginn einer Reihe von Veranstaltungen des VEESO gesetzt wurde, die auch in den noch folgenden Jahren mit gleichem Erfolg die "Terra Incognita" der Orgellandschaft Schlesien bekannt zu machen sucht.