Die Orgel der evang. Erlöserkirche in Waldenburg

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Orgel der Erlöserkirche in Waldenburg

Erbauer: Schlag & Söhne, Opus 924
Baujahr: 1913
Register: 47 / III+P
Traktur: pneumatisch
Windladensystem: Kegelladen
Gehäuse: Johann Georg Neßling, 1746
Technischer Zustand: 1996 durch Firma Szydlowski, Breslau, unter Regie des VEESO renoviert

Disposition:

Manual I Manual II Manual III Pedal
Bordun 16'
Principal 8'
Gambe 8'
Hohlflöte 8'
Gemshorn 4'
Rohrflöte 4'
Octave 4'
Rauschquinte 2 2/3' + 2'
Kornett 3 fach
Mixtur 3-5 fach
Trompete 8'
Gedeckt 16'
Principal 8'
Schalmei 8'
Salicional 8'
Flauto dolce 8'
Gedeckt 8'
Travers Flöte 4'
Octave 4'
Cymbel 3 fach
Tuba mirabilis 8'
Lieblich Gedeckt 16'
Flöten Principal 8'
Konzertflöte 8'
Quintatön 8'
Echo Gambe 8'
Aeoline 8'
Vox coelestis 8'
Fugara 4'
Viola 4'
Flute harmonique 4'
Piccolo 2'
Progressivharmonika 2-3 fach
Oboe 8'
Subbaß 16'
Principalbaß 16'
Lieblich Gedeckt 16'
Salicetbaß 16'
Violon 16'
Quinte 10 2/3'
Octavbaß 8'
Violoncello 8'
Aeoline 8'
Quintbaß 5 1/3'
Octave 4'
Kornett 3-5 fach
Posaune 16'
Koppeln Feste Kombinationen Spielhilfen/Sonstiges  
II - I
III - I
III - II
I - Ped
II - Ped
III - Ped
Superoctav III - I
Superoctav III - III
Suboctav III - I
Suboctav III - III
Piano
Mezzoforte
Forte
Tutti
Jalousieschweller II,III
Rollschweller
2 freie Kombinationen
Generalkoppel
Handregister-Absteller
Rohrwerk-Absteller
 

Zur Geschichte:

Die Orgel stammt aus dem evangelischen Bethaus zu Waldenburg (Walbrzych), wo sie in den Jahren 1744 bis 1746 von Johann Georg Neßling errichtet wurde. 1788 übernahm man sie schließlich in die Erlöserkirche. Nach mehreren Reparaturen im 19. Jahrhundert setzte die Firma Schlag 1912 ein neues Werk - das heutige - hinter den erhaltenen Prospekt.

1996 nahm VEESO die Wiederherstellung der Orgel als drittes bedeutendes Instrument in Angriff. Sie wurde ausgeführt von der Breslauer Orgelbaufirma Szydlowski. Dank der Unterstützung des deutschen Bundesinnenministeriums konnte auch der Orgelprospekt hervorragend restauriert werden. Die Wiedereinweihung der Orgel fand am 11. Mai 1997 durch Bischof Szarek statt (siehe untenstehender Artikel).


Jan Tomasz Adamus:

Die Schlag-Orgel in Waldenburg restauriert!

Der technische Zustand der Mehrzahl der polnischen Orgeln ist, wie allgemein bekannt, zumindest dramatisch, und daher ist jede Nachricht über eine gelungene Restaurierung eines Instrumentes es wert, im gesamtpolnischen Forum bekanntgemacht zu werden.

Dieses Mal sind die Nachrichten außerordentlich gut. Restauriert wurde die historische Orgel der Firma Schlag & Söhne aus Schweidnitz in der evangelischen Erlöserkirche in Waldenburg. Gebaut 1912 als Opus 924 ist sie eines der größten (47 Stimmen), in originaler Gestalt erhaltenen Instrumente dieser Firma. Die Disposition wurde, wie man aufgrund der im Pfarrarchiv erhaltenen Dokumente schließen kann, mit einem der wichtigsten damaligen Sachkenner, Albert Schweitzer, abgesprochen. Unmittelbar nach dem Kongreß der Internationalen Musikgesellschaft in Wien, auf dem die Regeln der damaligen Orgelbauentwicklung bestätigt wurden, nahm Reinhold Schlag Verbindung mit Albert Schweitzer auf und erhielt dessen Urteil über die von Schlag vorgeschlagene Disposition (darüber schrieb Wolfgang Brylla in Ruch Muzyczny Nr. 10/1988). Es ist wert, hervorgehoben zu werden, daß die originale Disposition, die während dieses Meinungsaustausches entstand, bis heute erhalten blieb: (Es folgt eine Auflistung der Disposition)

Der Prospekt der Orgel stammt aus den vierziger Jahren des 18. Jahrhunderts, als Johann Neßling das erste 17stimmige Instrument im heute nicht mehr bestehenden Bethaus baute. Der Prospekt wurde in die gegenwärtige Kirche, deren Plan von dem berühmten Architekten Carl Gotthard Langhans stammte, übernommen und während der Erweiterung der Orgel 1870 vergrößert.

Die sorgsame Restaurierung, finanziert durch den Verein zur Erforschung und Erhaltung schlesischer Orgeln e.V., Bad Honef, führte Anton Szydlowski aus Breslau durch, der sich wieder einmal als Spezialist für die Restaurierung pneumatischer Trakturen erwies. Als Erfolg seiner Arbeit dürfen wir heute eine herrliche symphonische Orgel mit einem großen farbigen Klangreichtum bewundern, bei der gleichzeitig alle originalen Bestandteile der Traktur, die Hilfseinrichtungen, der wunderbare Spieltisch oder der Elektromotor und die Stromschalter der Firma Meidinger & Co., Basel, aus dem Anfang des 20. Jahrhunderts erhalten blieben.

Die Orgel ermöglicht es, den Zusammenhang zwischen der deutschen Orgelliteratur aus der Wende des 19. und 20. Jahrhunderts und den Instrumenten aus dieser Zeit besser zu verstehen. Vor allem erlaubt sie, sich zu überzeugen, daß die pneumatische Traktur und der Klang romantischer Orgeln nicht schlechter sind, sondern anders als der von Barockorgeln, auch nicht schlechter als z.B. neuzeitliche mechanische Orgeln von universaler, oft stilloser Disposition.

Dieses Instrument stellt an den Spieler ziemlich hohe Ansprüche, was die Spieltechnik betrifft, vor allem das sog. »geschlossene Legato« und das Zeitgefühl, das verbunden ist mit dem inneren Hören und dem Wirken der Traktur. Es ist also besonders wertvoll für Orgelspieler, welche an Wettbewerben teilnehmen wollen, die stufenweise das Spielen auf Instrumenten mit verschiedenen Trakturen verlangen. In Waldenburg kann man sich davon überzeugen, daß das Spiel von Legato und langen Phrasenbögen, die an der Wende des 19. und 20. Jahrhunderts von Männern wie Albert Schweitzer, Marcel Dupré und Karl Straube gefordert wurden, die natürlichste Spielart für die damaligen Instrumente war.

Bei dieser Gelegenheit muß erwähnt werden - und das überrascht vielleicht, daß Waldenburg, was Orgeln betrifft, wahrscheinlich eine der interessantesten Städte Polens ist. Außer der bereits besprochenen Orgel von Schlag befindet sich nicht weit vom Ring in der katholischen Schutzengelkirche ein nur einige Jahre älteres 46stimmiges Instrument dieser Firma von einer hervorragenden symmetrischen Bauart und kraftvollem mächtigen Klang, bereichert durch eine ausgezeichnete Raumakustik. Sie ist in einem sehr schlechten, aber vollständig originalen Zustand.

In anderen Waldenburger Kirchen sind noch weitere Instrumente der Firma Schlag & Söhne (oder deren Abzweigungen) zu finden. Gewöhnlich handelt es sich um ältere Instrumente verschiedener Größe und Trakturen, die aber in der Regel ohne Veränderungen erhalten sind. In der Kirche St. Barbara (kath. Kirche von Waldenburg-Altwasser) befindet sich ein wundervoll klingendes Instrument der Fa. Sauer/Walcker aus Frankfurt/Oder (Opus 1446, 29 Stimmen) aus den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts mit deutlichen Merkmalen der Orgelbewegung (es handet sich um eine Richtung im Orgelbau, die die Rückkehr zu Barockvorbildern fordert). Zu einem Vergleich mit dem eben beschriebenen Instrument bietet sich die Orgel der St. Anna Kirche (kath. Kirche von Nieder Salzbrunn) an. Es ist eine zwölfstimmige Sauer-Orgel, die einige Jahre vor der Zusammenlegung der Firmen Sauer und Walcker entstand.

Eine vollständige große Überraschung birgt die kleine Kirche der Schmerzensreichen Mutter Gottes in der Nähe der evangelischen Erlöserkirche. Es blieb ein vollständiges Instrument erhalten, welches fest in der Empore des Chores eingebaut ist, ein Positiv aus der 1. Hälfte des 18. Jahrhunderts mit einem System von Bälgen. Es wäre wert, kopiert zu werden. Der Waldenburger Stadtverwaltung ist es zu verdanken, daß mit der Renovierung dieses Instrumentes begonnen wurde, d.h. ein fachgemäßer Plan wurde erstellt und es besteht Hoffnung, daß das Positiv in Kürze wieder erklingt.

Die feierliche Einweihung der Orgel in der evangelischen Kirche in Waldenburg fand am 11. Mai statt. Bei dieser Gelegenheit gab Joachim Grubich ein Konzert. Am selben Tag begann der Verkauf einer CD-Platte, die Julian Gembalski auf dem renovierten Instrument bespielt hatte.

Aus: Ruch Muzyczny, Nr. 12, 15.06.1997
(Übersetzung: Gerd Hübner/Christine Kroll)